Einfach machen!

Heute ist tatsächlich meine 10. Stunde. Und sie sollte eine ganz besondere werden.

Folge 10 ist in Serien ja oft die Entscheidende, so auch hier.

Lasst uns also beginnen, holt euch schnell noch was zu Essen oder setzt euch zumindest gemütlich hin :) Viel Spaß beim Lesen!

Ich suche im Bus nach – ihr wisst es schon – Bus Boy, aber finde ihn nirgends. Setze mich also wieder irgendwo hin. Wo er heute wohl ist?…

Natürlich höre ich ihn dann doch plötzlich hinter mir reden. Argh! Wie weird das wohl aussieht, wie ich mich JEDES Mal woanders hinsetze.

Er redet meine ich mit noch jemand über das Training, es klingt wie Jemand, der auch mit uns mittrainiert….wer ist das nur? Ich rätsle…

Als wir dann alle aussteigen (es ist noch irgendein Fortgeschrittener) sagt Bus Boy „Na?“ und grinst. Ein bisschen weniger distanziert als sonst.

Ich fange gleich begeistert an:„Ich hab heute meinen Anzug gekriegt!“

Dabei lehne ich mich etwas zu ihm, denn inzwischen kennt man sich ja.

„Echt? Oh cool!“

Wir reden noch eine Weile auf dem Weg und ich erzähle über meine Sorgen. Die da wären: Ich habe einen Anzug, den ich vielleicht gar nicht haben darf. Der vielleicht nicht gewollt/erlaubt ist, da eben das Markenlogo drauf steht in ganz groß.

Natürlich versuche ich, auch den Anderen einzubeziehen, aber der wirkt ziemlich unsympathisch und sagt dann ziemlich mansplainhaft, ich soll zum Meister zu gehen… *seufz* ach neee…….Das hatte ich selbst auch genau so vor (merkt euch den Typ und seine Ratschläge!) aber von manchen wird einem ja leider ein bisschen Deppertheit unterstellt.

In der Umkleide ist Niemand da und ich ziehe mich um. Dabei bin ich so aufgeregt, als würde ich gleich Prüfung machen. Ein Teil von mir ist wie Blei und möchte einfach hierbleiben. Ich fühle mich unwohl, ich habe keinen Spiegel und kann also nicht schauen, wie ich aussehe, wie der Anzug aussieht. Ich habe Angst vor Blicken, die mich abschätzend anschauen.

Kennst du das?

Ich nehme all meinen Mut zusammen, es gibt kein Zurück mehr. Ich muss da jetzt durch. Nein, ich will.

Einatmen, ausatmen. Tür auf und ab in die Halle.

Bus Boy sieht mich und sagt „OoooOOooooh“

Ich schaue auf den Boden und sage dann (statt einfach mal selbstbewusst zu sein) „Siehst du, das meine ich“ und zeige auf das große Logo.

Er meint: „Ja, hm…..honestly, ich persönlich…. hätte den nicht ausgesucht mit sowas…. aber das wird schon passen.“

Ich fühle einen kleinen Stich.

Auch ich bin nicht so der Mensch für auffällige Sachen und ich weiß genau, was er meint. Ich mag es lieber schlicht hier und das liegt irgendwie auch schon im Sport drin. Aber nun ist es so und als ich ihn daheim anhatte, hat es mir auch gefallen. Vielleicht weil ich mich dadurch individueller gefühlt habe (sieht ein bisschen anders aus wie alle anderen) und so. Aber unsicher bin ich natürlich trotzdem.

Ich bin mir plötzlich so sehr meines Körpers bewusst.

Er meint dann:„Aber hat eine coole Struktur.“

„Wo ist der andere?“ frage ich schnell.

„Ach, der lernt immer.“ meint Bus Boy.

Der andere Typ sitzt also gerade in der Umkleide und lernt.

Bus Boy hat schon die nächste Aktion im Kopf. Er klettert wieder in das Fass von letzter Stunde und rennt bzw. watschelt damit in die Halle. Irgendwie hilft mir das, weil ich plötzlich so lachen muss und im hinterherrenne.

Ich kicke auf das Fass, also ihn und sage:„Ich kann gar nicht richtig kicken.“

Er sagt:„Mach mal.“

Ich versuche es richtig zu machen, sodass ich nicht wie letztes Mal wieder halb humpeln muss danach.

Ist natürlich was anderes, wenn Anna da steht und ein bisschen rumkickt oder wenn 7 Leute auf Bus Boy im Fass reihum draufkicken.

Wir versuchen die unterschiedlichsten Sachen aus, z.B. rennen wir aufeinander zu und ich kicke ihn weg. Dann sage ich lachend:

„Du brauchst unbedingt ein Foto.“

Er gibt mir sein Handy und ich sehe…..OH, Instagram Foto Funktion.

Ich mache KLICK und das Bild sieht dann in etwa so aus wie in einer japanischen Gaming Show. Er lacht über sich selbst.

Wenn ihr also irgendwo das Foto sehen wollt, von Bus Boy im Fass, was Anna gemacht hat, das ist nun iiiiiirgendwo auf Instagram.

Ich stelle mir das IG Profil von Bus Boy vor. Ich glaube, das ist so ein Feed, bei dem man oft lachen muss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bus Boy ernste Selfies macht. Bus Boy ist für mich echt der Klassenclown der Gruppe obwohl er sonst ja auch eher ruhig ist.

Er steigt aus dem Fass und wir gehen zur Matte, die aufrecht dasteht und kicken drauf. Er macht die Kicks wieder so schnell und kraftvoll, dass ich das dann auch sage.

Er:„Aber du kickst doch auch so!“

Ich:„Neeeee, das ist zu langsam bei mir.“

Ich kicke nochmal.

Er:„Ist doch gut?“

Ich:„Ja aber bei dir ist das viel schneller.“

(Leserschaft nun so: Annnaaaa, nicht immer vergleichen!)

Dann machen wir Weitwerfen mit dem Fass. Ja, ihr habt richtig gelesen.

Und jetzt kommt mal wieder so ein Epic Fail.

In meinen Träumen war es ja so, dass ich reinkomme und den Anzug anhabe und der Meister mich sieht und dann ist alles so episch und transformative und Oooooh sie hat nun also einen Anzug und ein anerkennends Nicken. Ooooh nun ist sie Taekwondo-würdig.

PUSTEKUCHEN!

Wisst ihr wann der Meister reinkommt?

Ja genau!

Genau dann, wenn Anna ganz laut lacht, während sie das bunte Fass in der Gegend rumschleudert wie ein Kleinkind.

Nicht von wegen respektvoll dastehen und den Anzug würdigen. Nein, der Meister sieht mich wie ich ein verdammtes Fass schleudere.

Er schaut wirklich extrem irritiert.

Ich kriege nur ganz leise raus:„Hallo.“

Das Fass knallt auf den Boden.

Er sagt nichts und geht auch gleich nochmal.

Bus Boy und ich bringen das Fass zurück und ich sage nur:

„Oooooh f****!! Sieht mich zum ersten Mal im Anzug und dann das.“

Ich lache dabei aber denke mir: Warum nur Anna, warum??? :’D

Bus Boy: „Der denkt sich auch, wo bin ich hier gelandet?“

Ich: „Voll den Sport entwürdigt.“

Der Meister kommt wieder zurück und ich gehe zu ihm.

Wieder weiß ich nicht wie ich ihn ansprechen soll, also fange ich einfach an:

„Äääähm…..“ er dreht sich zu mir um, ich fahre fort „Ääähm ist mein Anzug ok so? Wegen dem Logo, weil ich gelesen habe, dass manche Schulen das nicht wollen?“

Er sagt:„Alles gut, kein Stress.“ Er nennt die Marke und meint: „Kenne ich, ist bekannt für Taekwondo“.

Ich atme auf. PUH!

Er sagt zu uns 3n: „Heute selbst dehnen.“ was wir dann machen. Als nächstes kommt Viola rein, die ich ewig nicht mehr gesehen habe.

Sie sieht mich an und sagt „OOOOOOh du hast jetzt auch einen Anzug!“

Ich lächle und freue mich, dass es auffällt und dass sie sich mitfreut.

Dann kommt die Fleißige und ihre Reaktion ist gleich, „WOOOOW!“

Diese Augen die groß werden, diese Anerkennung, ich fühle mich gleichzeitig stolz und schüchtern.

Dann sind wir ein paar Leute und stehen wieder im Halbkreis.

Ich mache meine Übungen und fühle mich so meines Körpers bewusst, dass ich mich gar nicht richtig dehnen kann.

Mein Gürtel rutscht und hängt irgendwo und ich habe das Gefühl ein massiver Elefant zu sein.

Ich habe das Gefühl, alle würden mich anstarren immer wieder und der Meister mit. Ich bekomme einen kleinen Schweißausbruch, weil ich denke, dass ich so schlimm aussehe.

Die schwarze (schmeichelnde) Sporthose die ich vorher anhatte und das schwarze Top, ich wünsche mir diese Sachen gerade zurück. Ich glaube nicht, dass irgendwer von den anderen solche Gedanken hat, da eben alle fit und schlank sind und sich einfach dehnen, statt wie ich die ganze Zeit am Anzug rumzuzupfen. Dazu kommt noch die blöde Bluse und die deutlich erkennbare Unterwäsche. Schweiß tropft von meiner Stirn, ich habe Angst, die einfachsten Übungen zu machen. Ich drehe mich von der Gruppe halb weg, weil ich so Panik habe, aufzufallen (und falle damit wahrscheinlich noch mehr auf). Ich mache das Dehnen völlig unkoordiniert.

Plötzlich kommt Core. Ich drehe mich um (sitze gerade auf dem Boden) und sehe, dass er auch denselben Anzug hat!

Ich:„Haben wir….?“

Ich zeige auf mein Logo am Arm, er schaut seines an und grinst.

Core: „YEAH!“

Wir klatschen uns ab.

Core hat exakt denselben wie ich.

Ich fühle mich irgendwie cooler jetzt. Genau das habe ich gebraucht.

Neben mich setzt sich auf einmal ein Weißgurt, der meine ich noch nie mit Jemanden ein Wort geredet hat.

Ich dehne gerade mein Bein und will Hallo sagen aber irgendwie ist alles so still und ich mache es nicht, weil er einfach nicht herschaut. Ich nenne ihn den Schweigsamen.

Der Meister hat uns beobachtet.

Was er gerade denkt?

Ich will niemand ausschließen, kann aber auch nicht den ganzen Weg alleine gehen. Fergie singt ja auch „Meet me halfway“, oder nicht?

Ich stehe wieder auf, mache zum 100. die gleiche Übung und korrigire meinen Gürtel. Ich fühle mich schon wieder so, als ob ich hier fast nackt stehen würde und einfach jeder sehen kann, dass ich nicht fit bin.

Mittendrin springe ich dann zur Fleißigen, denn ich bin hier von Männern umgeben und sie steht ein bisschen wo anders. Ich bin froh, dass ich sie habe. „Heeeeey“ sage ich und grinse und unsere Hände finden sich wieder. Hachja, Mila lacht wieder.

Sie sagt, während sie ihr Bein dehnt:„Weißt du was ich in der Klausur habe? Eine 1,0!“

Und ich:„Waaaaaaas? Omg wie gut!“

Der Meister, der auf der Bank sitzt ruft:„1,0? Sehr gut.“

Oh Gott, ich würde ja sooOOooo gern auch so eine Erfolgsgeschichte erzählen, aber leider kann ich das noch nicht. Dafür freue ich mich umso mehr für die Fleißige, die ihrem Namen ja alle Ehre macht :).

Ihr ist kalt, also laufen wir, während die anderen dastehen. Wir reden dabei und schnaufen (vor allem ich!) und jeder hört es. Unsere Anzüge machen so ein Knittergeräusch und wir reden selbst darüber. Dann meine ich:

„Dachte schon, kann meinen (schnauf) nicht anziehen wegen (schnauf) dem Logo.“

„Ja ich bin auch nicht so…hmmm ist halt dann wie Tommy Hilfiger und Levis.“

„Habe ihn halt von Ebay (schnauf), wollte eher schlicht aber naja (schnauf) jetzt ist es so.“

Es ist wirklich interessant, dass in diesem Sport boldness und Markenlogos einfach nicht so gewollt sind und ich finde sogar, dass das für den Sport steht. Ein Dobok ist ja im Prinzip eine Uniform (Verteidigung ernstes Thema und geschichtlicher Hintergrund). Da hat sowas wie „Just do it“ einfach nichts verloren. Auch das Prinzip der Bescheidenheit passt nicht so ganz zu einem auffälligen Anzug. Ich meine, deswegen hat Taekwondo für mich auch viel mit Wertschätzen dieser Tradition zu tun. Zum Beispiel darf man sich custom Anzüge machen lassen, aber auf Turnieren sind diese dann nicht zugelassen. Dieses Bewahren der Ursprungsform sieht man auch z.B. bei Karate, Judo usw. auch wenn es dort im Moment wohl auch eine heiße Diskussion darüber gibt, ob die Anzüge nicht überholt sind. Soviel ganz kurz als Exkurs :D

Der Meister sagt, was wir heute machen als Programm, heute mal nicht nur Prüfungsvorbereitung. Danach fragt er:„Oder nicht okay?“ Er sieht auch mich an, ich sage leise:„Doch doch.“ und lächle.

Ich finde bisher ALLES gut, was er mit uns teilt und an uns weitergibt. Und wenn er nur 1h lang über Taekwondo Theorie, Geschichte oder seinen Weg berichten würde und Korea, ich würde immer herkommen. Im Prinzip macht er das auch, aber eben durch den Sport. Durch seine Methoden und seine Pädagogik. Durch seinen Charakter, was ihn dann auch wieder ganz individuell macht und eben nicht als eine austauschbare „martial arts Schablone“. Der Meister als Mensch ist das wundervolle hier. Weil er sich so im Hintergrund hält, weil er nie angibt, weil er uns uns selbst finden lässt und dabei aus einem „Einzelkampf und Wettkampf“ ein Team wird.

Dann geht es los und ich kann gar nicht so schnell schauen, so schnell passiert das. Denn heute ist das Training anspruchsvoll, wahrscheinlich möchte er uns jetzt auch mal wieder fordern nach den ganzen Fass Geschichten :D

Er zeigt die Übung 1x und das wars.

UFF! Man merkt eben, dass ich doch noch nicht so lange da bin. Viele Sachen weiß ich inzwischen aber trotzdem ….diese blöden, blöden Kissenpolster!! AAAAAAAAAH ich muss immer noch schauen, wie man sie hält und verpasse dann, was er macht.

Dann bin ich auch noch ständig dabei, meinen Anzug zu richten, ständig zu sagen

„Mein Gürtel rutscht, deiner auch?“

Worauf die Fleißige meint:„Neee.“

und ich mich noch unfitter fühle.

Ich halte das Kissen wieder falsch und der Meister muss korrigieren. Ich seufze innerlich und frage mich, ob er denkt inzwischen, dass ich blöd bin oder „langsam lerne“.

Dann kommen die „Ich kick jetzt nach hinten wie ein Pferd“ Kicks, das sind die, die ihr manchmal bei Videospielen seht.

Ich kann die ganz gut, weil ich meine ich ähnliche als Teenager aus Spaß und natürlich ohne Technik manchmal in meinem Zimmer vor mich hin gemacht habe. Drehen & Kick, das ist mein Ding.

Die Fleißige lobt mich und strahlt. Ach Gott, was wäre ich nur ohne sie?

Meister sagt auch wieder „Guuuut“. Und auch wenn ihr das jetzt schon ein paar Mal gelesen habt, aber glaubt mir, jedes „Gut“ ist selten und dadurch umso krasser und wichtiger. Jedesmal aufs Neue wenn ich das höre könnte ich jubeln vor Freude.

Die Fleißige ist schnell, sie macht die Kicks sehr flüssig und gezielt.

Ich kicke entweder in Zeitlupe oder schnell und falle dann halb um. Nicht beim ersten, aber beim 3., da ich auch aus der Puste komme.

Ich fange an zu schwitzen.

Sie sagt:„Hast du eine Bluse drunter?“

Ich:“Jaaaa ich hab mein weißes Shirt nicht mehr gefunden!“

Dabei ist das nur die halbe Wahrheit, da ich seitdem ich soviel aussortiert habe, ja nichts mehr suchen muss an sich. Aber das Shirt liegt nicht bei mir daheim, sagen wir mal so ;)

Obwohl es mir etwas warm wird, bin ich erstaunt über den Anzug. Ich schwitze nicht ultra extrem – ich hatte gedacht, dass mein Rücken nass sein wird. Aber ich bin jetzt mal lieber nicht zu laut, denn bei Beast Mode kann ich mir das gut vorstellen. Vielleicht macht es auch einen Unterschied, ob man barfuß trainiert oder jetzt noch Sportschuhe anhätte. Inzwischen mag ich das Barfüßige irgendwie und es fühlt sich komplett normal an, auch wenn ich trotzdem froh bin, wenn jetzt niemand zu genau meine Füße anstarrt (…. man könnte ja eine Unperfektheit finden….)

Ich werde besser beim Kicken und der Meister meint wieder „Sehr gut!“, aber sobald ich mit links kicke und auch auf meine Technik achten will, verliere ich das Gleichgewicht. Er sagt „Deshalb Standbein.“

Ich nicke „Hm“ und wie immer bin ich ein Schwamm mit leuchtenden Augen. Ich WILL besser werden.

Die Fleißige kickt und ich halte ihr das Polster hin. Plötzlich schaltet sich der „Ich lerne in der Umkleide“ Typ ein und sagt zu mirR:

„Halt mal das Polster tiefer.“ und grinst dabei so richtig dümmlich.

Ich schaue ihn irritiert an. Das kommt einfach gerade aus dem Nichts und habe ich noch nie so im Training erlebt.

Nicht, weil er mich „verbessert“ (was auch strange ist, da eigentlich jeder für sich die Übungen macht) sondern weil er die Fleißige damit bevormundet. Sie hat mir immer gesagt, wenn ich etwas falsch mache oder ihr etwas zu hoch/tief halte. Und nun kommt er daher und grätscht voll in unseren Ablauf rein. Ich bin verärgert und das zum allerersten Mal hier. Auch sie ist irritiert. Es ist als würde er indirekt sagen „Ist dir das nicht zu hoch?“ zur Fleißigen und sie kann das immer noch selbst entscheiden. Ich bin aber so konfus, dass ich eben einfach mache, was man mir sagt, aber das zumindest ohne ihm freudig zuzulächeln oder ihm irgendeine Reaktion zu geben. Ich mag den Typen nicht. Hat er nichts besseres zu tun? Lasst ihn uns Grätscher nennen.

Dann ruft der Meister alle zusammen und wir machen die Formen, also den Schattenkampf. Es ist eine größere Gruppe, alle Weißgürtel die da sind, ich stehe in der 2. Reihe mit Core.

Ich hoffe inständig, dass die Choreografie, die ich daheim geübt habe, richtig ist.

……

Sie ist es!

Meister meint:„Sehr gut gemacht. Viel besser als Montag.“

Er korrigiert mich nicht. Ich vergesse nur 1x zu rufen.

Ich sehe dabei übrigens so entschlossen aus wie sonst was.

Danach üben die Fleißige und ich nochmal. Sie macht mehr falsch als ich. Ich wundere mich. Dann sagt sie:„Voll gut!“ zu mir, ich freue mich extrem, da sie, obwohl sie selbst Fehler gemacht hat, mich motiviert und lobt.

Ich mache dann alleine weiter und der Meister setzt sich genau neben mich auf die Bank.

AAAAAAH ich bekomme Panik!

Er meint dann mittendrin „Schon wirklich gut geworden, in so kurzer Zeit“, schnelle Entwicklung.“

Ich kann wieder nicht anders als auf den Boden zu blicken und zu sagen „Freut mich“ „Freut mich sehr“. Innendrin schlägt mein Herz Purzelbäume. Ich weiß nicht, was ich sagen soll und bin einfach nur dankbar.

Ich kenne meine eigene Sprache nicht mehr, mir fehlen die Worte.

„Jetzt nur motiviert bleiben“. sagt er und geht wieder.

Ich platze vor Freude und möchte hier auf der Stelle auf den Boden gehen und ganz laut DANKE rufen.

So von 1:1 war es noch nie. Letztes Mal war ja Viola dabei und nun ist es so ziemlich von Angesicht zu Angesicht, ohne die Anderen.

In mir drin ein Hochgefühl.

Ich bin das Million Dollar Baby!

Dann wieder Zweifel.

Ohne uns gibt es ja keine zukünftige Schülerinnen die zahlen?

Nicht, dass ich das von ihm denke, sondern ich denke so von mir, dass es doch gar nicht sein kann, dass ich tatsächlich so bin, wie er es sagt.

Er hat das überhaupt nicht nötig, glaube ich und er lobt keinen, den er nicht loben will.

Warum setzt er sich hier hin und sagt so etwas? Ich meine mit was habe ich das verdient? Er hat ja sowas schonmal gesagt aber nun nochmal und wieder ist mir nichts darauf eingefallen als zu lächeln und auf den Boden zu sehen. Aaaaaarrrrrgh ehrliche Komplimente, warum sind sie nur so ungewohnt?

Dann denke ich daran, wie er gesagt hat „Jetzt nur motiviert bleiben.“

Ob er damit meint, dass ich vielleicht gehe nach der Prüfung? Ob er viele wie mich erlebt hat? Ob er damit sagen will, man muss sich immer wieder selbst motivieren? Ob er mir damit den DO, also den Weg mitgeben wollte?

Er kann natürlich nicht wissen, dass ich schon 1 Tag vor dem Training denke:„JuhuUUUUU morgen wieder Taekwondo!“ und nicht ein einziges Mal mich irgendwie „hinschleppen“ musste oder dachte „Ach, kein Bock.“ Ich würde durchdrehen, wenn es einmal ausfällt, so ist das!

Was er wohl von mir denkt? Die die ihm nichtmal Hallo gesagt hat im 1. Training, die die seitdem immer da ist, die ihn gefragt hat wegen Turnier und Verein und die im Anzug ein buntes Fass durch die Gegend wirft. Was er wohl von Anna denkt – wir wissen es nicht.

Aber was wir wissen ist, dass er sieht, dass ich motiviert BIN, wenn er meint „motiviert bleiben„. Und alleine das ist für mich schon viel Wert. Dieser Mensch sieht Dinge, …. ist so unscheinbar und doch aufmerksam.

Dann kämpfen die Fleißige und ich wieder. Wir probieren Kicks aus, die wir mögen, weil alles gerade etwas lockerer ist.

Sie möchte etwas probieren, was ich noch nicht so kenne. Ich halte die Polster aber verstehe wirklich nicht, wie.

Die anderen haben inzwischen Pause gemacht und sehen uns wohl von weitem zu. Also Bus Boy, Viola und noch ein paar Andere.

Ich halte die Polster also anders und frage die Fleißige:„So?“

„Ein bisschen schräger“ sie korrigiert mich.

Ich mache es aber es ist immernoch falsch.

„Häää, wie?“ sage ich. Die Fleißige kickt weiter, da sie gerade im Fluss ist.

Bus Boy ist inzwischen aufgestanden und an uns vorbeigelaufen und sagt:„Kuck, so!“ Er nimmt mir aber nicht die Polster weg, er imitiert es mit seinen Händen. Das meine ich, es ist etwas anderes, wenn ich deutlich etwas nicht verstehe und es mir eine andere dann Person zeigt, da sich meine Partnerin auf den Kick konzentrieren muss.

Ich halte und meine Arme werden langsam schwer, richtig schwer. Ein bisschen wie Workout, da es merkwürdige Positionen sind und ich meine Arme so anspannend muss.

„Willst du auch mal?“ meint die Fleißige.

Ich sage:„Äääähm ich kann das nicht…wie soll das gehen?“

Stellt euch das so vor: Man muss zuerst hochspringen, dann kicken und währenddessen dann auch noch mit dem anderen Bein kicken.

„Hahahahahahaha“ lachen meine Beine als ich es versuchen will. Sie bleiben auf dem Boden. Einfach so.

Ich sage:„Das geht doch nicht.“

Fleißige „Doch, doch, wie ein Pferd.“ Sie hüpft es vor.

Inzwischen hat unser Versuch ein bisschen Aufmerksamkeit erregt.

Grätscher meint:„Mach erstmal Knie“

Ich mache es aber nicht sondern drehe mich wieder zur Fleißigen. Sie zeigt es nochmal.

Wieder kommen mehr Leute angelaufen und verfolge das Geschehen. Es bildet sich ein Halbkreis um uns.

Ich sage: „Ok, aber ich kann das nicht!“

Sie:„Doch, probier es mal aus!“

Ich versuche es erstmal mit einem Fuß.

Es knallt.

Bus Boy sagt laut:„Alter die kickt jetzt schon krasser als ich!“

Ich lächle und bin stolz. Hat Bus Boy mich gerade vor allen anderen gelobt?? Damn.

Inzwischen steht jeder hier bei uns. Der Meister ist irgendwohin verschwunden.

Dann will ich es mit beiden Beinen versuchen, wie der Kick ja eigentlich ist. Aber wieder: Meine Beine lachen und zeigen mir den Vogel. Sie kleben quasi auf dem Boden.

Ich: „Das geht nicht!“

Bus Boy:„Doch! Mach mal!“

Ich:„Nein, wie soll das gehen, das geht nicht!“

Fleißige: „Probier es aus!“

Ich versuche es wieder aber … kann nicht. Meine Beine wollen nicht abspringen. Die Logik kämpft gegen alles Andere.

Ich:„Aber…ich muss doch das Knie dazu anziehen….ich kann nicht einfach…“

Fleißige:„Nein….wie beim Ballett, lass es durchgestreckt.“

Ich:„Aber das geht nicht!“ Ich schüttle den Kopf.

Sie:„Doch doch“

Bus Boy:„So!“ Er springt auch hoch und zeigt es mir.

Ich: „Das GEHT NICHT!“

Ich glaube mir ist selbst nich bewusst, wie oft ich hier gerade zu den unterschiedlichsten Personen sage, dass ich es nicht glaube. Nicht an mich glaube.

Ich spüre doch meine Beine, ich weiß doch, dass die das nicht können, das geht doch gegen …die Physik? Ich möchte springen aber schaffe es nicht. Denn mein Kopf sagt: NEIN.

„Das geht nicht“ sage ich zu allen.

Und wie aus dem Nichts höre ich aufeinmal die Stimme des Meisters hinter mir:

Meister:„Einfach machen.“

Woher kommt er jetzt? Hat er alles mitbekommen?

„Aber…..das geht nicht!“ sage ich noch mal.

Ein letztes Aufbäumen meiner Selbst gegen….mich Selbst.

Meister:„Einfach ausprobieren. Einfach machen“ Seine Stimme ist so ruhig, so sehr „Ich glaube an dich“.

Ich schaue mich um und jeder der hier steht glaubt an mich.

Es ist wie eine Traube. Nur dass eine Traube voller Menschen ist, die da sind und alle an dich glauben, bis du das irgendwann checkst und einfach ihnen glaubst, ihnen vertraust, dir selbst vertraust.

Also mache ich es!

Es ist ein ganz seltener Hollywood Moment, den wohl viele Menschen nicht erleben, aber ich stehe hier und er passiert, der Hollywood Moment:

Ich springe ab und – es ist unfassbar aber:

ES KLAPPT.

Mein linker Fuß springt ab und dann mein rechter, ich befinde mich tatsächlich für einen kurzen Moment mit beiden in der Luft und mache mit beiden nacheinander einen Kick. Ich lande und-

Bus Boy applaudiert, die Fleißige auch.

JAAAAAAA! rufen sie.

Bus Boy sagt ganz laut:„Die macht jetzt Black Belt.“

Das ist bis dato wirklich der Schönste Moment ever.

Weil einfach so viele Menschen um mich stehen die mir sagen, dass ich es schaffen werde. Es ist so rührend, dass ich jetzt Tränen in die Augen bekomme, wenn ich nur drüber nachdenke.

Alle wirklich alle haben in dem Moment mir gut zugeredet und mich vom Unmöglichen überzeugt. Als ich selbst nicht an meinen Körper geglaubt habe und damit an mich, waren sie alle da. Selbst der Meister, aus dem Nichts aufgetaucht. Alle inne gehalten.

Ich gehe zur Fleißigen und umarme sie halb. Sie mich.

Ich blicke zu Bus Boy und sage auch „Danke.“ und er versteht sicher, warum. Er meint:„Dank nicht mir, dank ihr!“ und zeigt zur Fleißigen. Ich flüstere „Das mach ich schon die ganze Zeit.“ und diese Situation zeigt so ziemlich das, worum es hier eigentlich geht: Zusammenhalt, Bescheidenheit, Wille, Motivation.

Es ist so ein Moment,…. ich glaube keine materiellen Dinge können das ersetzen. Denn ich fühle mich ja sowieso so oft so ….behäbig, so unsicher, so langsam. Aber das war mit Abstand der beste Moment.

Ich schaue die Fleißige an und will so viel sagen aber krieg nicht viel raus, ich nicke mit dem Kopf und sage:„Von Beginn an.“

Ich meine damit: „Du warst da für mich von Beginn an“.

Und sie versteht.

Sie sagt:„Es war wie…Liebe auf den ersten Blick.“

Ok wow, dass die Fleißige sowas sagt, das hätte ich nicht gedacht! Ich weiß das alles so zu schätzen.

Das Training geht dann noch eine Weile weiter, wir machen Kickübungen und halten uns dabei an der Kletterwand fest. Von hier an bin ich sowieso nur noch ein Honigkuchenpferd das voller Adrenalin durch die Gegend läuft.

Ich kriege noch mit, wie der Meister mit einem Rotgürtel redet und dieser ihn DUZT und ihn etwas fragt. Es klingt so surreal aber zeigt nur, dass unser Trainer ja auch einfach ein Mensch ist.

Der Meister sagt am Ende noch zu uns was abschließendes zur Prüfung: „Aufgeregt sein ist normal…einfach pünktlich da sein….ich bin auch aufgeregt aber dann bei höheren Graden (er lächelt)…Aber üben und dann kein Problem, kein Problem, kein Stress.“ Ich schaffe, es ihm in die Augen zu sehen und zu lächeln.

Ich sehe zu ihm auf und zu allem, was er hier tut.

….

In der Umkleide will ich meinen Anzug zusammenfalten aber die anderen wollen los. „Wiiiie jetzt, ihr legt den nicht zusammen nach Tradition?“ sage ich und lache. Die Fleißige meint:„Tradition? Ich muss zum Bus!“ :D Und wenn ich genau überlege, hat es NACH dem Training tatsächlich wohl nicht so einen Sinn, den verschwitzen Anzug wie ein Geschenk zu falten wenn man ihn eh daheim in die Waschmaschine steckt.

Die Fleißige, Bus Boy und Core laufen zusammen vor uns. Viola und ich hinter ihnen. Wir biegen ab und ich rufe Tschüuuuss und Fleißige auch, Bus Boy dreht sich um und ruft auch „Oh, Ciao!“ was er vorher auch noch nie gemacht hat.

Es fühlt sich alles so … warm an heute und wunderschön.

Viola und ich reden noch über ihre Familie und Kultur. Es ist wirklich sehr schön, hier so viele Leute kennen zu lernen.

Ich mag wirklich jeden von unserer inneren Gruppe sehr, gerade weil einfach jeder unterschiedlich ist aber wir alle dasselbe mögen.

Ich laufe dann alleine zur Bahn und grinse so extrem vor mich hin, dass jeder wohl denkt, ich bin ein bisschen plemplem. Ich muss das Grinsen regelrecht unterdrücken. Wie das wohl aussieht, so total verschwitzt und k.o. aber mit roten Backen und glücklich bis zum geht nicht mehr?

…….Wie ich da stand und der Meister mich erst gelobt hat und dann auch noch alle um mich standen und mir Mut zugesprochen haben. Und es geklappt hat. Und alle stolz waren und sich gefreut haben für Anna. Und Anna auch auf sich selbst stolz war…..

Was für eine 10. Stunde. Was für ein Erlebnis. Was für eine Welle voller schöner Gefühle. Mein Herz platzt bald vor Freude.

Man müsste dieses Gefühl nun abfüllen können, das Gefühl von Selbstbewusstsein, Glauben an sich selbst und dieses wunderschöne Gefühl, wenn auch Andere an dich glauben.

Ich will das abfüllen in Flaschen für schlechte Zeiten.

Nicht nur mir, sondern auch Familie, Freunden und auch dir.

Einfach so ein Trinkfläschchen voll.

Eine Flasche voll:

„Einfach machen!“

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu „Einfach machen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s