Wer braucht schon Netflix, wenn man nach Tummelsbachhausen gehen kann?

Die Stadt ist nicht groß genug für uns beide.

Er sieht mich an. Dann schweift sein Blick hinaus aus dem Fenster, als würde dort draußen der Wild West warten, mit all seinen Klischees und einem Chart Song von Will Smith. Die Prärie mit Schnee bedeckt.

Er dreht sich wieder zu mir, schüttelt mit dem Kopf.

Ich blicke zurück, wild entschlossen.

„6,80!“ sagt der Fahrer nochmal.

Ich seufze.

Mein Ausweis fühlt sich so nutzlos an und das ist er auch. Gilt hier anscheinend nicht. Hier gelten andere Regeln.

Die Stadt ist nicht groß genug für uns beide.

Deshalb krame ich die letzten 10 Euro aus meinem Geldbeutel, bezahle und setze mich auf einen Platz.

Während der Bus so über die Eislandschaft zuckelt, werde ich langsam müde. Es ist Mittag, aber ich schon lange unterwegs. Einsteigen, aussteigen, warten in der Kälte, einsteigen.

Der Zug hat mich aus der Stadt herausgefahren. Der Bus fährt mich nun komplett ins Nirgendwo und ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.

Irgendwann steige ich aus, völlig unsicher, ob ich hier richtig bin.

„Entschuldigung? Kennen Sie sich aus? Ich muss…..daaaahin“ sage ich zu einem Passanten und zeige ihm den Screenshot.

„Ach, das ist ganz einfach, steigen Sie in den Bus gegenüber und fahren Sie….“

Mein Geldbeutel grummelt in meiner Tasche laut. Sein Magen ist leer.

„Wie weit ist es zu laufen?“ frage ich, als wäre es das normalste der Welt bei doppelstelligen Minusgraden fröhlich und beschwingt eine Wanderung zu machen.

Er sieht mich an, als hätte ich ihn gerade gefragt, wem er eher glaubt, Mulder oder Scully – wegen den Außerirdischen und so.

„Aalso Sie könnten laufen…aber das ist schon ein Stück….“ Er runzelt die Stirn und zieht den Schal hoch, fragt sich vielleicht, was dieses arme, einsame Geschöpf hier in seinem Dorf macht und was für ein törichter Gedanke dass doch ist, bei diesen Temperaturen loszugehen. Aber Schneewittchen ist in 2018 angekommen (und ist nun arm, aber seien wir mal ehrlich: besser als das Leben mit einem reichen Prinzen, der es so bezaubernd findet, wenn du wie tot da liegst…in einem Sarg). Sie zuckt nur mit den Schultern und geht los.

Der Wind pfeift und meine Augen tränen vor Kälte. Ich kneife sie zusammen und laufe weiter, einfach immer weiter.

„Was zum Teufel hast du dir nur dabei gedacht?“ fragt mich mein Körper und dann mein Gehirn. „Was ist, wenn du es nicht findest? Was ist, wenn du nicht reinkommst? Was ist, wenn es echt blöd wird? Was ist, wenn es langweilig ist? Was, wenn alles umsonst war?“

Inzwischen kriecht die Kälte überall hin. Ich spüre meine Zehen nicht mehr. Und meine Finger, scheinen sich ebenfalls zu verabschieden.

Vergesst die tragischen Tode dieser Welt. Vergesst Romeo und Julia, vergesst Edward Stark. Vergesst auch Maria Stuart. Vergesst alles an Survival, was ihr auf DMX oder BBC gesehen habt.

Todesursache: Erfroren in Tummelsbachhausen.

…..

Doch halt, so seht doch! Dort hinten am Horizont!

…..

Menschen in weißen Anzügen, ich sehe sie schon von hier.

Ich laufe schneller und wie durch ein Wunder komme ich an.

Nur noch eine orangene Tür trennt mich vom Abenteuer.

Ich nehme all meinen Mut zusammen, laufe an den paar Grüppchen vorbei, die davor stehen und betrete dann die Halle.

Ich bin da. Ich habe es geschafft:

Ich bin auf meinem ersten Taekwondo Turnier!

Eintritt. Da steht es. 4,50 Euro.

Ich bete, dass es reicht.

„Gibt es einen Studentenrabatt?“ frage ich fröhlich, als wäre ich nicht gerade dem Tod der weißen Wanderer entkommen.

„Nein“ sagt der Kassenmensch und schaut etwas verdutzt. Eine Studentin in Tummelsbachhausen, na sowas, oder wie?

„Wie lange geht das heute?“ frage ich. Könnte ja sein, ich bin schon zu spät.

„Bis 21 Uhr. Es lohnt sich also.“

Ich bezahle – es reicht gerade noch so! Ich strahle vor mich hin, gleich geht es los.

Um sicher zu gehen (obwohl das eine öffentliche Veranstaltung ist und ich die Gesetze kenne), frage ich:

„Kann ich Aufnahmen machen?“

Die Kassenmenschen schauen mich an, als hätten sie ein Gespenst gesehen.

Ich werde etwas unsicher.

„Ich möchte……berichten“ Ich zeige auf mein Kamera.

Ich benutzt mit Absicht das Wort berichten, das klingt nach Journalismus. Denn schon jetzt komme ich mir blöd vor, als ob es nicht normal wäre, dass das alles mein Hobby ist und ich einfach sehr gerne drüber schreibe.

Der Kassenmensch schaut Kassenmensch 2 an.

„Ja….ja doch…..“ Plötzlich erhellt sich sein Gesicht „Achso….Sie sind dann von der Presse?“

Ich überlege zu sagen „Ja.“

„Nein, einfach nur privat, es interessiert mich.“ sage ich und bereue es.

Die Kassenmenschen sagen „Achso.“ und ich habe das Gefühl, dass man enttäuschter nicht sein kann. Ihr Gesicht sagt: ‚Wohl doch keine Publicity. Privat berichten, was wird das schon sein? Sicher nichts, was dem Sport etwas bringt. Sicher keine interessante Erfahrung zu lesen. Wohl niemand der unseren Sport irgendwem näher bringen kann. Wohl einfach nur irgendwer.

Der Kassenmensch gibt mir ein rosa Bändchen mit den Worten:

„Vielleicht fangen Sie dann ja auch damit an.“

Also mit dem Sport.

And here we go again.

Manche von uns werden gleich gemerkt haben, was an dieser Situation und dem Satz auffällig und problematisch ist. Liebe Grüße an euch, macht weiter so.

Andere, die das jetzt lesen, werden sich vielleicht fragen:„Hmmm? Ist doch alles ok? War doch nett gemeint? Anna, erzähl doch, wie es weitergeht jetzt?“ Die Erzählung geht gleich weiter. Es ist schade, dass sie plötzlich so umschwingt, nicht wahr? So von fröhlich locker, zu ernst. Ja, das denke ich mir auch ganz oft, warum muss das alles immernoch Thema sein? Aber es ist Thema:

An alle, die nicht verstehen, was an diesem Satz und der Situation Sexismus pur ist: Es ist euer Privileg, dass nicht ein Leben lang erleben zu müssen. Das macht es schwierig zu verstehen, welche Bedeutung das hat, wie sich das anfühlt und was es mit uns Frauen macht.

Man muss schon aktiv zuhören und außerdem gewillt sein, zu Lernen. Ohne diesen Willen, wird jeder Beitrag unverständlich sein und bleiben. Zum Glück, möchten viele nun dazu lernen. Hallo Dazulerner, es ist gut, dass du siehst, wie wichtig das ist und dich über Sachen informierst, die in deinem Leben so nicht vorkommen.

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Wie fühlt es sich also an?

Als ob ich ein Kind wäre und nicht als erwachsene Frau hier stehe.

Als ob ich gerade aus einer Höhle gekommen wäre, im Jahre 2000 BC und auf diese Halle im Nirgendwo zugestolpert wäre.

Als ob ich so rein zufällig auch so ein …ääääh….Dings dabei habe, was ich um den Hals trage, auch genannt……..Ka-mer-a. Irgendjemand wird mir das wohl umgehangen haben, als Deko. Ich weiß nämlich gar nicht, wie das funktioniert. *schaut begriffsstutzig auf die Kamera und kratzt sich am Kopf* HÄÄÄÄÄ??

Natürlich habe ich auch noch nie in meinem Leben einen Kick ausprobiert – weder daheim noch im Verein – ich bin eine Frau?

„Vielleicht fangen Sie dann ja auch damit an.“ 

„Ich HABE bereits angefangen.“ sage ich deutlich.

Wohl unvorstellbar für die Kassierer, dass es, sagen wir mal, Frauen in der Medienbranche gibt, die Kampfsport/-kunst in der Freizeit bereits ausüben…..

Ich hätte ja z.B. einen Blog schreiben können über Sport oder meine Erfahrung damit. Aber neeeeei-hein. Das ist nicht möglich. Davon gehen wir mal nicht aus, das wäre ja äußert blöd, sowas einfach anzunehmen,……dann lieber einfach von dem Fall ausgehen, dass die Frau sich komplett hier her verirrt hat. Ja doch, genauso muss es gewesen sein.

Dass ich als passive Zuschauerin komme, aber 2x die Woche den Yeop Chagi trainiere….ja,…..das kann er nicht wissen, aber wieso wird einfach jedesmal vermutet, dass ich NICHTS, nada, niente, 0 kann und nichts nada niente jemals ausprobiert habe?

Als reminder: Wir reden von einem Sportturnier mit Sportbegeisterten und Interessierten die sicher nicht „einfach mal so“ aus Höhlen stolpern oder aus Löcher kriechen und dann 4,50 Eintritt zahlen. Du kommst hier nicht in deiner Freizeit her, wenn du noch nie in deinem Leben einen Front Kick gemacht hast. Das ist keine informative „Da geh ich mal hin“ Messe mit vielen unterschiedlichen Ständen. Es gibt hier nun 11 Stunden Taekwondo and that’s it.

Außer du hast wiiiirklich wiiiirklich an einem Samstag bei Minusgraden nichts anderes zu tun, als alleine in eine Turnhalle zu gehen, ohne zu wissen, was da ist. Sind wir mal ehrlich, welche Leute in meinem Alter würden das schon machen? Für die meisten ist die Vorstellung alleine wo aufzutauchen, sowieso schon beängstigend genug. Und manche könnten sich auch wohl tatsächlich spannenderes/gemütlicheres vorstellen.

Das hier ist nicht die Einkaufpassage, in der man zufällig stehen bleibt, das ist nicht die Sneak View im Kino. Das ist nicht die Überraschungstüte. Hier ist keiner, der hier nicht sein will.

Ich habe einen fast 2h Anfahrtsweg hinter mir, ohne Auto. Ich habe mich überwunden, hier alleine hinzugehen. Um mich inspirieren zu lassen, um mir Tipps fürs Training zu holen, um das alles mal live zu erleben, was die ganz Großen so machen.

Es gibt 10 Gürtelstufen in Taekwondo.

Und welche wird mir zugeschrieben, gleich am Eingang, bevor es überhaupt losgeht?

Naaaa? Welche?

Keine.

Keine einzige. Nichtmal der Weißgurt. Nichtmal eine Trainingsstunde.

Nichtmal eine einzige Probestunde.

Nichtmal, dass ich jemals in meinem Leben schon irgendein Video auf YT von Kampfsport oder einen Mainstream Hollywood Film angeschaut hätte, was mich inspiriert haben könnte, anzufangen.

Ich werde als Jemand eingeschätzt, der noch nie beim Training war und der gerade im Prinzip erst geboren wurde und noch nie von dem Sport gehört hat.

Als jemand der auf einem anderen Planten lebt und mit dem UFO vor der Halle in Tummelsbachhausen gelandet ist.

Und nur mal so: Ich hätte theoretisch den Black Belt haben können, wenn ich als Zuschauerin auf so eine Veranstaltung gehe, in der sich Hunderte von Black Belts tummeln, die auch nur zuschauen (sieht man einem ja nicht an in „Zivil“), aber anscheinend wird das bei mir nicht angenommen.

Müssen sie auch gar nicht. Sollen sie auch gar nicht. Einfach mal nichts annehmen oder einfach fragen.

Es wird mich aber nicht gefragt, es wird als feststehend formuliert und kommentiert, dass ich nichts weiß und nichts bin.

Natürlich bin ich noch Anfängerin, aber ich trainiere aktiv, wie wohl die meisten der Leute hier.

Was bei Zeus soll ich denn bitte bei Minusgraden sonst in Tummelsbachhausen in dieser Halle 2h entfernt von der Zivilisation, wie ich sie kenne?

Ein Kind hab ich nicht an der Hand, sondern einen Foto um den Hals. Wenn also vermutet wird, dass ich hier als Zuschauer-Mutter bin, obwohl ich gesagt habe, dass ich wegen dem Berichten da bin, dann ist das wieder so ein Punkt, an dem ich denke:

Warum wird eher angenommen, dass ich Mutter bin, statt dass Taekwondo mein Hobby ist?

Warum könnte eine Mutter nicht auch Taekwondo betreiben/es früher gemacht haben?

Warum werden in einem Gespräch mit einem Fremden mir ungefragt Dinge zugeschrieben?

Warum kann ich noch so eine erwachsene Frau sein, eine Spiegelreflex umhaben, sagen ich möchte „Berichten“ und werde trotzdem wie eine Schülerin aus der 5a behandelt?

Die Wahrscheinlichkeit, plötzlich aus einer Höhle zu stolpern und rein zufällig auf diese Veranstaltung zu treffen, im f* Nirgendwo in Tummelsbachhausen, ganz ohne Interesse, ohne Wissen ohne Trainingserfahrung liegen ca. bei 0,000000001 %.

Aber das wird eher angenommen, als dass ich aktiv trainiere/trainiert habe.

Und dieses „Annehmen vom Nichts verstehen, 0 Erfahrung und Ahnung, dem Annehmen von 0,0000000001%“ verfolgt mich schon mein Leben lang. Uns Frauen ein Leben lang. Und das wird uns ungefragt als Kommentar mitgegeben. Von fremden Männern. Immer und immer wieder. Von Kleinauf bis ins Erwachsenenalter und darüber hinaus.

Egal ob das jetzt der Sport ist oder wenn ich auf die Bühne gehe mit riesem Equipment. Als Frau muss ich mich doppelt beweisen und werde erstmal nicht ernst genommen indem was ich ausübe, bei allem was mit Technik zu tun hat oder egal um welche „““““männliche Sportart“““““ wie Fußball, Basketball und ja, auch Kampfsport es geht.

Verkauf mir doch einfach die Karte kommentarlos, wie all den anderen vor mir oder rede über deine eigene Erfahrung, aber leg nicht die der fremden Besucherinnen fest?

Ob so ein Satz bei einem männlichen Zuschauer gefallen wäre oder ob man da einfach still gewesen wäre? Das möchte ich gerne sehen, wie die Kassierer das zu den Männern sagen, die hinter mir stehen und auch Karten kaufen wollen. Dass die Kassierer denen ein Bändchen in die Hand drücken mit den Worten „Vielleicht fangen Sie dann ja auch an.“

Das alles geht mir in Sekunden durch den Kopf und ich verlasse sehr verwirrt und traurig den Einlass. Denn auf meine Antwort gibt es nur ein „Ah.“

Naja, was sonst? Es gehört ja eine ordentliche Portion Selbstreflexion dazu, zu sagen: „Oh, das tut mir leid ich habe gerade so richtig blöd angenommen, dass sie als einzige Person hier absolut nichts wissen und noch nie Kampfsport betrieben haben unter den 1000 Aktiven die hier in der Halle rumwuseln. Wenn ich so recht überlege, sind sie die erste, zu der ich heute so einen Spruch ablasse und im Endeffekt war es total sexistisch von mir und überhaupt, so ein ungefragter Kommentar, das muss ich mir abgewöhnen und auch so zu tun als wäre ich ihr Lehrer…. Ich werde darauf achten, weil ich möchte jedem auf Augenhöhe begegnen und das habe ich nicht gemacht.“

Ich möchte den Tag nicht durch so etwas ruiniert haben lassen. Wir sind ja ungewollt Überlebenstrateginnen und versuchen, selbst bei sowas, uns nicht runter ziehen lassen.

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Ich laufe also in die Halle und…..OH!

Wow, ist da viel los!

Das Lächeln kriecht zurück ……. DA IST ES :)

Auf Fotos habe ich bei anderen Turnieren eher leere Hallen wahr genommen und mich gefragt, ob überhaupt jemand da ist groß. Hier stehen die Leute am Gitter zur Tribüne in 3-4er Reihen, da es keine Sitzplätze mehr gibt. Überall laufen Kämpferinnen und Kämpfer mit ihren Trainern umher, ganz viele weiße Anzüge, also doboks sehe ich.

Ich reisse meine Augen auf und bewundere all das hier, oooooh so viele Talente die diesen Sport ausüben, denke ich mir. So viel Gleichgesinnte. *.* (Geht es einem so auf der Gamescom? Ich hoffe ich werde das auch bald herausfinden ;) )

Ganz viele Eindrücke kommen gleichzeitig auf mich zu und nehmen mich mit, ich versuche einfach das Paddel zu halten, sprich, ich stelle mich irgendwo hin und versuche, etwas zu sehen.

Bis ich eine freie Lücke gefunden habe, dauert es eine Weile. Es ist auch ziemlich laut. Dann endlich rückt jemand zur Seite und ich sehe zum ersten Mal das, weswegen ich hier bin: Das Turnier.

Es gibt ganze 6 Felder, ähnlich, wie wenn man manchmal mehrere Badminton Felder nebeneinander hat.

Und auf jedem passiert etwas. Ich bin überfordert. Es ist laut. Leute feuern an, Leute suchen etwas, Leute klettern über die Tribüne, Leute laufen von A nach B.

Eine ganze Stunde lang bin ich überfordert. Ich kann mich nicht konzentrieren.

Ich stehe da mit meiner Tasche, meiner Kamera, meiner Winterjacke und meinem Schal, unfähig, groß etwas zu machen. Überall gibt es etwas zu schauen und zu hören. Nicht nur von unten, sondern auch vor und neben einem.

Vor mir auf dem Boden liegen ein paar Kinder und spielen Fortnite. Sie alle warten wohl auf den Kampf. Einer hat sich an seinen Rucksack geklammert und benutzt es wohl als Kissen.

Ich bemerke, dass sich viele hier oben, mitten im Lärm, versuchen auszuruhen. Sie wirken extrem müde. Immer wieder kommt jemand und kramt nach seiner Tasche, die oft größer als die Person ist. Ich höre die Trainer hinter mir reden. Sie fachsimpeln und reden über den Kampf. Ich versuche rauszufinden, über welchen.

Es ist toll hier oben, man schnappt viel auf.

Ich überlege mir meine Kamera rauszuholen (also die Gute) bin nun aber irgendwie demotiviert durch das Gespräch vorhin. Und ein bisschen komme ich mir auch merkwürdig vor, als neben mir plötzlich ein Fotograf mit Superblitz auftaucht und über Blenden redet zu seinem Kollegen. Ich zücke mein Handy und tu so, als ob ich nicht vorgehabt hätte, mit meiner Superkamera tolle Videos zu machen, als hätte ich nicht vorgehabt die Kämpferinnen zu fragen: „Was würdest du deine Anfänger-Ich gerne sagen?“

Ich habe zwar die Challenge geschafft, alleine hierherzukommen… aber auf Leute aktiv zuzugehen, dann auch noch wenn man nichtmal vom Kassenmensch ernst genommen wird – wie dann von den Trainern und Kämpfern hier? All das sind die Auswirkungen, die solche jahrelange Kommentare verursachen. Ich war super motiviert aber fühle mich nun nicht bereit.

Zum Glück schaffe ich es langsam, mich an diese neue Situation hier zu gewöhnen – alleine auf einem Turnier, alleine irgendwo.

Ich schaue mich etwas um, noch nehme ich die Dinge sehr grob wahr, z.B. dass es für nur 1 Kampfweste (also Schutz) gibt, die dann immer dem nächsten überreicht wird. „Ist dass dann nicht voller Schweiß?“ denke wir alle nun :D

Dass ein Kampf nicht so lange geht und dann kommt auch schon der nächste.

Dass es eine Schiedsrichterin im Feld gibt.

Dass es sonst auch noch sehr viele Leute gibt, die das möglich machen und die wohl irgendwie auch was zu sagen haben, z.B. Punkte verteilen usw.

2h stehe ich schon hier und schaue mir die Kämpfe an und finde es immer noch schwer auf das zu achten, worauf ich eigentlich achten wollte: Details wie Fußstellung usw. Ich schaffe es einfach nicht, es sind zuviele Eindrücke.

Und dann, gehe ich endlich los und suche aktiv einen freien Tribünenplatz. ….DA! Danke, sagen meine Beine.

Ich sitze hier zwischen Vereinen und Eltern, die ebenfalls in diesen Vereinen sind und ebenfalls Jacken vom Verein anhaben. TSV soundso, lese ich. In Familienkombi.

Im Sitzen kann ich mich besser konzentrieren. Ich bemerke nun die Details. Zum Beispiel, dass es blaue und rote Karten gibt und manche Leute die dann hochhalten. Sind das Punktrichter? Nein, das sind die Coaches und sie fordern ein Video replay. Ganz viele Leute haben hier was mitzureden, mit diesen Punkten.

Ich sehe die unterschiedlichsten Kämpferinnen und Kämpfer. Natürlich sind sie alle schnell und benutzen oft dieselben harten Kicks aber genauso wie bei anderen Sportarten geht es auch hier um so viel mehr: Kondition, Durchhaltevermögen, Willensstärke, Taktik und vor allem Talent.

Es geht nicht darum, jemanden niederzu“boxen“ oder zu treten, eher um diese Punkte. Das macht, finde ich Taekwondo zu einem Sport, in dem man sich im Kampf nicht so verletzt wahrscheinlich wie bei anderen.

Klar gibt es auch fast ein K.O, eine gebrochene Nase, ein verdrehtes Sprunggelenk, ein Kämpfer, der kaum mehr aufstehen kann. Aber am Ende stehen sie dann doch wieder alle und greifen sogar nochmal an.

Über mir und neben mir fachsimpeln die Leute. Ich finde es herrlich.

„Das kann SO nichts werden! Der nimmt die Deckung hoch auf Distanz und nah nimmt er sie runter!“

„Ich finde das unmöglich, dass die Kleinen den ganzen Tag warten müssen“

„JETZT NOCHMAL SO! GENAU!“

„Als ich zu seinem 1. Turnier wollte, wollten die Security mich nicht reinlassen. Ich habe gesagt: Ich bin seine Mutter. Das war denen egal. Dann habe ich gesagt, dass der Junge 9 Monate in meinem Bauch war und dass es mein gutes Recht ist. Da haben sie mich gefragt, ob ich Anwältin bin. Und ich habe gesagt, JA, zwar nicht von Beruf aber ja. Dann haben sie mich reingelassen. Ich glaub’s ja wohl. Hätte ich anfangen sollen zu kämpfen oder den ganzen TSV holen sollen oder was?“

Eine Kämpferin kommt mit einem Pokal und setzt sich neben mich. Sie macht stolz ein Foto davon, packt ihn dann aber zügig weg, als wäre es Pausenbrot und holt ihr Abitur Geschichtsheft raus. Heute die Queen, morgen dann wieder ein Teen.

Es gibt viele jüngere Kämpferinnen hier, aber ebenso in den Altersklassen von so 20- sogar 30.

Ich bekomme die ersten Nachrichten: „Wie ist es so?“ und freue mich, dass man an mich denkt. Ich freue mich, dass ich nicht schreiben muss „Bin nicht gegangen, hab niemand gefunden“ Sondern nun hier sitze und schreiben kann: „SO COOL!“

Was ich mir schon gedacht habe und nun live sehe: Ganz anders wie auf YT, geht es hier nicht um Artistik und Show, sondern um einen Kampf, der sozusagen nach Olympia Regeln ausgeführt wird. Es geht darum, gezielt die Weste zu treffen oder den Kopfschutz, nicht sneaky die Person irgendwo zu treffen oder ihr den größten Schaden zuzufügen. Manche Kicks gehen ins Leere, das braucht natürlich trotzdem Kraft. Trotz allem ist es Kampfsport, ich will nicht wissen, wie der Puls da hochgeht, wenn man weiß, man wird gleich entweder „vermöbelt“ (die Tritte spürt man sicher extrem! Das sind alles Schwarzgurte) oder man schlägt selbst zu.

Was mir noch auffällt: Hier wird um einzelne Kämpferinnen und Kämpfer kein Trara gemacht. Kein „Final Countdown“ beim Halle betreten. Du bist da und machst kurz mal einen Spagat, ganz lässig, egal ob Mann oder Frau, ziehst die Weste an und los geht’s.

Respekt wird hier groß geschrieben. Auf der Tribüne sind die Einzelkämpfer dann wieder wie ein Team, man freut sich mit. Auf dem Feld grüßt man den Coach des Gegners („Ein Wink in die Ecke und eine Verbeugung vor jedem Kampf) und es gibt auch keine großen, hitzigen Diskussionen. Alle wirken ehrgeizig aber nicht verkrampft, sondern einfach ruhig und fokussiert. Zu keiner Zeit wirkt irgendetwas unangenehm aggressiv und das ist schon beachtlich, wenn wir davon reden, dass sich 2 Leute gerade gegenseitig Kicks austeilen, die uns wohl schon bei Beginn zu Boden gehen lassen würden. Einmal haut es einen von der Wucht eines einzelnen Kicks geradewegs um.

Leider kann ich nicht bis zum Ende bleiben und so langsam versteifen sich auch meine ganze Gelenke, nach diesem stundenlangen Sitzen auf der Bank hier.

Natürlich ist es auch irgendwann anstrengend, die ganzen neuen Sachen sehen und dann tatsächlich auch das Alleine hier sein. Im Endeffekt absolut kein Problem, aber unter all den Leuten, die in Teams da sind oder zumindest sich kennen, komme ich mir langsam doch auch etwas strange vor. Manche schauen mich natürlich an, je länger ich da sitze und sozusagen mit Niemanden kommuniziere. Aber zwischen uns liegen auch oft einfach mal 3-4 große Taschen, Jacken, ein einziges Chaos. Und ich glaube, ich hätte von Anfang an etwas sagen sollen um ins Gespräch zu kommen. Was auch schwierig ist, denn die Leute hier wechseln ständig und dann wieder nicht….

Und irgendwie schwingt in allem noch so mit, dass es wohl merkwürdig sei, dass ich einfach aus Interesse da bin, eine Frau Interesse an diesem Sport, einfach so, ganz ohne Kind, na sowas! Hat sie denn nichts anderes zu tun? Wo ist ihr Partner? Wo ihre Freunde? Findet sie wiiiiiirklich den Sport so toll? Na dann hätte sie früher anfangen sollen…..jetzt noch anfangen…naja….

Das sind die Auswirkungen, von denen ich gesprochen hatte.

Ich stehe auf und alles tut weh.

Aber das ist okay, ich verlasse lächelnd und müde die Tribüne, werfe noch einmal einen Blick zurück auf diese spannende, neue Welt und bin froh, heute noch mehr ein Teil davon geworden zu sein.

Dort unten werde ich wohl nie stehen. Aber eines weiß ich: Ich habe mich heute trotzdem selbst überwunden. Immer und immer wieder. Und das, ganz ohne gekämpft zu haben in einer blauen Weste.

Überhaupt loszugehen, tatsächlich loszugehen. rennen zum Zug. Die überfüllte Bahn. Die Eiseskälte. Das ALLEINE sein auf einem Turnier. Das Durchziehen. Das „einfach machen“. Die Entscheidung, statt auf Netflix nach Tummelsbachhausen zu gehen, mit all den Strapazen. Im Endeffekt total ungewiss, ob es überhaupt klappt. Ein persönliches Abenteuer, etwas, was nicht jeder macht.

Ich sitze wieder in der Bahn und bin einfach nur happy.

Ich war gerade auf meinem ersten Taekwondo Turnier!

Ich habe es getan!

KIHAAAAAAAP!

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2 Gedanken zu „Wer braucht schon Netflix, wenn man nach Tummelsbachhausen gehen kann?

  1. Du bringst die Stimmung (auf dem Turnier und deine) zum mitgehen rüber =D Zur Kassenlage… also der Situation. Kenne ich… Gerade bei Sportveranstaltungen kleiner Städtchen, aber auch anderswoher. Ist mir so auch schon oft passiert. Ich habe es eher auf die Kamera und die Gesprächssituation geschoben. LG Jo

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